Wenn Kinder zuhause nicht mehr sicher sind

Kinder-Notaufnahme bietet Hilfe, Schutz und Therapie

Manchmal geht es zuhause nicht mehr. Dann müssen Kinder sehr schnell raus aus Familien. Manchmal sind es auch Eltern, die merken, „ich schaffe es nicht mehr, ich brauche dringend Hilfe“.

Martina Rose ist in solchen Fälle die erste Ansprechpartnerin für Polizei und Jugendamt. Sie leitet die Kinder-Notaufnahme des gemeinnützigen Trägers „Juvente“, unweit des Pariser Tors in Mainz.

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Martina Rose, die Leiterin der Einrichtung, nimmt den Scheck über 5000 Euro für Außengeräte entgegen.

„Das Kinderheim“. Bis vor wenigen Wochen entsprach es dem eher tristen Bild, das sich bei diesem Begriff unwillkürlich einstellt: abblätternder Putz, undichtes Dach und zugige Fenster. Verletzliche Kinder.
Zumindest der äußere Eindruck hat sich nun geändert, verspricht Hoffnung und passt besser zur Stimmung, die man spürt, wenn man mit den Menschen im Inneren spricht: Das Haus erstrahlt in freundlichen Farben, die Fenster und das Dach wurden repariert und der Außenbereich zeigt abenteuerliche Spielmöglichkeiten.
Mittendrin: die neue Doppelnestschaukel, gestiftet von ORGENTEC & friends im Rahmen einer 5.000 Euro-Spende.

Warum die Schaukel so wichtig für die Kinder ist
„Wenn ich meinen Körper spüre, habe ich Kontakt zu meinem Verstand.“, erklärt Frau Rose die Therapie traumatischer Erlebnisse. Bewegung helfe dabei, den eigenen Körper besser wahrzunehmen und im „Hier und Jetzt“ zu bleiben, anstatt sich zu vergraben und gar im Extremfall in komatöse Zustände zu verfallen.
Darüber hinaus biete ein „Nest“ natürlich auch Schutz. Gerade weil es eine Doppelschaukel sei, kommunizierten die Kinder darüber hinaus in den jeweiligen Schaukeln miteinander, was ein zusätzlicher positiver Aspekt sei.
Schließlich sei es für die Kinder nicht einfach, sich in der neuen Situation zurechtzufinden, aber auch in der neuen Gruppe, der sie sich anschließen.

Viele verschiedene Fälle und immer neue Herausforderungen

Die Kinder bleiben maximal drei Monate in der Einrichtung, bis die wichtigsten Fragen geklärt sind und man eine Folgelösung gefunden hat, die der Situation gerecht wird.
Während andere Städte auch ältere Teenager aufnehmen, trennt Juvente in Mainz zwischen Kindern und Jugendlichen bewusster. In die Kinder-Notaufnahme kommen nur Kinder zwischen vier und vierzehn Jahren, ältere Jugendliche kommen in die Jugendnotaufnahme des gleichen Trägers.
Frau Rose sagt: „Wir haben extra getrennt, weil Pubertierende die Not natürlich anders ausdrücken als kleine Kinder. Kleine zertrümmern auch mal Möbelstücke, aber es ist von der Wucht dennoch eine andere Intensität.“
Die Vorgeschichte dieser Wut ist das, womit Martina Rose Teile ihres Arbeitsalltags verbringt:

Martina Rose und Dr. Jörg Ruppert von ORGENTEC & Friends vor der aufgebauten Doppelnestschaukel

Martina Rose und Dr. Jörg Ruppert von ORGENTEC & Friends vor der aufgebauten Doppelnestschaukel

Schilderungen von verwahrlosten und halbverhungerten Kindern in Gitterbettchen, die betroffen machen, aber auch von sexuellem Missbrauch und körperlicher wie psychischer Gewalt.
Verhaltensweisen, die auch dann imitiert werden, wenn es um Machtausübung innerhalb der Gruppe geht.„Wir haben es auch zwischen den Kindern immer wieder mit sexuellen Übergriffen zu tun, aufgrund der Erfahrungen, die sie haben. Oft haben die Kinder selbst sexuelle Gewalt erlebt – leider so häufig, dass man fast nicht mehr überrascht ist.“
Themen, die dem Zuhörer an die Nieren gehen, egal ob man eigene Kinder hat oder nicht.

Martina Rose wirkt bei aller Ernsthaftigkeit immer positiv, zitiert Eltern O-Töne gerne mal im Dialekt und zeigt, bei aller professionellen Distanz, dass sie weiß, was in Familien passiert und in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen los ist. Deutliche Worte scheut sie nicht.
Sie spricht über Alleinerziehende, insbesondere Mütter, die psychisch erkranken und plötzlich „wegbrechen“. Kinder, die in Elternrollen geraten und Geschwister versorgen müssen.
Über Kindeswohlgefährdung und den Auftrag zu handeln, wenn Kinder sich selbst an Vertrauenspersonen wenden, nicht mehr nach Hause wollen.
Über verzweifelte Eltern, die sich beraubt und Kinder, die sich „geraubt“ fühlen. Und bei allen Problemen stets solidarisch mit ihren Eltern bleiben, an das Gute glauben wollen. Dass sich alles schon wieder geändert hat.

Ressourcen im System und Ausnahmen im Chaos

Dennoch sagt sie, dass es gerade in der Krise nicht klug sei, Eltern von ihren Kindern komplett getrennt zu halten, zu isolieren: „Wir versuchen trotz allem, mit den Eltern in Kooperation zu kommen. Wir suchen die Ausnahme im Chaos, die Ausnahme von Nichtgelingen. Irgendwo gibt es noch Ressourcen im System.“
Das Kind solle schließlich nicht nochmal traumatisiert werden. Wenn der Vater der Misshandler sei, könne die Mutter dennoch kommen, sich um das Kind vor Ort kümmern und auch zuhause die Wäsche waschen. Dies sei ein wichtiger Unterschied, dass die Wäsche dann nach „Daheim“ rieche, auch mal nach ein wenig Nikotin und weniger steril als im Heim.

Um ein Stück der Normalität zu erhalten, blieben die Kinder auch, wenn es irgendwie geht, tagsüber in den Schulen und Kindergärten. Vor allem gehe es darum, die Eltern zu „aktivieren“ und nicht abzustempeln. Erwartungen anzulegen, die diese auch zu erfüllen hätten. Termine einzuhalten und im Zweifelsfall „Besuchs-Bausteine einzufrieren“, bis man diesen wieder „auftauen“ könne.
Eine Erziehung zu erwachsenem Verhalten und zu Verantwortung. Denn: „Verantwortung kann man nicht delegieren.“ Wenn die Eltern durch das gemeinsame Arbeiten wieder Lust bekommen, ihre Verantwortung wahrzunehmen, dann sei eine Teilstrecke bewältigt. Wenn die Kinder merken, dass Eltern wenigstens einen Teil der Aufgaben schaffen, sie sich gewollt fühlen können.
Es mache aber keinen Sinn, die Kinder nach ersten Erfolgen direkt nach Hause zu lassen. Oft gerate nach einigen Wochen alles wieder ins alte Fahrwasser. Aber es gebe Projekte wie „Triangel“, die Familien über die erste Zeit hinaus weiter zu „coachen“, die Eltern häppchenweise mit Aufgaben zu konfrontieren und die Kinder immer mehr Zeit zu Hause verbringen zu lassen.

Rückschläge müssen dabei ausgehalten und Erfahrungen gesammelt werden, damit sich hirnphysiologisch Erfolgsstrukturen ausbilden können. Eine alte Weisheit, die jedoch in manchen Familien über Generationen nicht praktiziert wurde und in der Kinder-Notaufnahme neu gelernt werden muss.

Im neuen Abenteuergarten der Juvente Kinder-Notaufnahme

Im neuen Abenteuergarten der Juvente Kinder-Notaufnahme

Pfarrer-Röper-Stiftung und Finanzierung

Damit diese Arbeit finanziert werden kann, bekommt Juvente für jedes Kind festgelegte Pflegesätze über das Jugendamt – wie jede andere soziale Einrichtung. Und naturgemäß sind diese Sätze spitz gerechnet, es geht um Centbeträge.
Wenig Spielraum für ein non-profit-Unternehmen also, Anschaffungen wie eine therapeutische Doppelnestschaukel zu tätigen. Juvente ist daher auf Spenden angewiesen – wie seit Anbeginn der Tätigkeit in der Mainzer Zwerchallee.
Damals entstand aus einer lockeren Wohngemeinschaft für Kinder und Jugendliche aus Problemfamilien der Verein „Spielende, lachende, lernende Kinder e.V.“, die Wohnung war eigentlich die Pfarrerswohnung der Brüder Röpe in Mainz. Die Pfarrer und Pädagogen Dr. Friedrich Franz Röper und Harald Christian Röper bezogen anderweitig Quartier und bauten den Verein weiter auf.
„Röper ist ein Mainz ein Begriff.“ Aus einer angesehenen Hamburger Kaufmannsfamilie stammend, investierten sie ihr Familienvermögen in den Kauf mehrere Häuser für den Verein – und schließlich in die Röper-Stiftung, die als Mutter der Juvente-Stiftung dient.

Die Stiftung der Röpers war es letztendlich, die das Juvente-Haus kürzlich renovieren ließ, was nun wieder für bessere Arbeits- und Wohnbedingungen sorgt. Als Nächstes sollen die in die Jahre gekommenen Sanitäranlagen umgebaut werden.
Frau Rose kann sich auf die tatkräftige Mithilfe vieler Freiwilliger verlassen und dank dieser Hilfe und ihres eigenen Engagements wird Frau Rose das Kind wohl auch in Zukunft schaukeln.

Link zur Kindernotaufnahme Mainz